Der Geist aus der Flasche


Gestatten: ich bin der Geist aus der Flasche, der in der Spitaltrotte haust. Viele Liebhaber des Badener Stadtweines kennen mich, denn ich mache mich hie und da in ihren Köpfen bemerkbar. Da ich in der virtuellen Welt lebe, habe ich mich riesig gefreut, dass das Rebgut der Ortsbürger nun über einen virtuellen Kontakt mit den Weinliebhabern verfügt und den Lesern über meine Erlebnisse und Begegnungen berichten wird.

 


DER GEIST AUS DER FLASCHE #6
freundet sich mit dem Schraubverschluss an

Wie die meisten Geniesser war ich lange Zeit überzeugt, meine Behausung müsse mit einem Naturkorken verschlossen sein. Nur das Produkt der Korkeiche sei elastisch genug und lasse gerade die richtige Menge Luft durch, um mir zu erlauben, die Flasche hie und da für einen Besuch zu verlassen. Nur der Naturkork lasse die Weinaromatik und damit mein Habitat unbeeinflusst. Dass Naturkorken sehr langlebig sind, weiss ich von Bekannten aus dem Hochadel der Flaschengeister, die mir erzählten, sie wohnten schon mehr als hundert Jahre in der gleichen Flasche mit dem gleichen Zapfen. Seit längerem werden auch Presskorken aus Resten eingesetzt. Natürlich ist es sinnvoll, alles zu gebrauchen, also auch die Reste. Aber ich bin eher ein Snob, möchte nicht durch Resten ein und aus gehen. Flaschen mit Kunststoffkorken habe ich auch schon besucht, fühlte mich aber nicht sonderlich wohl: Es zieht ständig! Kunststoffkorken lassen halt recht viel Luft durch. Übrigens: die Meinung, Flaschengeister könnten direkt das Glas durchdringen, ist ein Märchen, sicherlich einem Menschenhirn nach der dritten Flasche entsprungen…

 

Und nun zum Schraubverschluss. Jahrelang wollte ich keine solche Flasche besuchen, meinte, ich müsste mich mühsam durch die Windungen am Flaschenkopf durchschlängeln. Dann kam ein Kollege zu mir zu Besuch, wollte mich einladen. Als ich mich zierte, warf er mir vor, ich sei nicht mehr lernfähig. Das liess ich nicht auf mir sitzen und begleitete ihn. Grosses Erstaunen: die Kappe mit der Aluminiumeinlage war etwas luftdurchlässig, liess mich eintreten wie bei einem Naturkorken. Das eröffnet mir nun viele neuen Flaschen, werden doch nur noch 60 % der Flaschen mit Naturkorken verzapft.  Und in «Down Under» ist der Schraubverschluss bereits der Standard-Verschluss.


DER GEIST AUS DER FLASCHE #5
hat gerne grün

Meine Vorliebe zu grün hat nichts mit Politik zu tun, sondern mit meiner Lieblings-

behausung, den grünen Flaschen. Als Flaschengeist gehöre ich zum Hochadel unter den Weingeistern. Meine Vorfahren mussten vielfach in Schläuchen aus Tierhäuten hausen, meist Ziegenbalgen, oder dann in Fässern. Fassgeister gibt es immer noch; sie müssen sich häufig mit Jungweinen abgeben und gehören zum Landadel. Das Fussvolk der Weingeister muss in Stahltanks hausen. 

 

Meine Behausung, die Glasflasche, gibt es erst seit dem 17. Jahrhundert. Sie ist chemisch neutral und macht den Wein, mein Lebenselixir, haltbar, was ich sehr schätze. 1894 wurden die ersten Flaschen maschinell hergestellt, zuerst aber nur für Cognac, in dem meine hochgeistigen Verwandten hausen. Sie kommen klar, grün oder braun daher, was den Weintrinkern bewusst wird, wenn sie die gebrauchten Flaschen zur Altglassammelstelle bringen. Klare Flaschen werden meist für Rosé gebraucht. Sie sind mir nicht so sympathisch: wer lässt sich schon gerne in die Wohnung blicken? Ob braun oder grün, hängt von der Traditionen der Glasfirmen und ihrer Öfen ab und von Traditionen der Weingegenden. In Italien verwende man eher braune Flaschen, hat mir ein weitgereister Flaschengeist erzählt, der vor kurzem in einer Barolo-Umgebung anreiste. Ich hingegen halte mich seit meiner Ankunft in der Spitaltrotte in grüner Umgebung auf und freue mich darauf, dass es hinter der Trotte bald wieder grünt.

 


DER GEIST AUS DER FLASCHE #4
dividiert 225 mit 300

Mein Zuhause ist die Weinflasche, aus Glas, häufig grün und dennoch unpolitisch, siebeneinhalb Dezi gross. «Weshalb gerade siebeneinhalb?», fragte mich ein Geistesverwandter, der eher spirituös lebt und seine Wohnungsgrösse deshalb häufig wechselt. Zum Spass sagte ich ihm, siebeneinhalb Dezi sei die Menge, die ein Weinliebhaber zu einer Mahlzeit trinke, weshalb es auch die Magnum gäbe für Paare. Wir lachten, bis er in eine Literflasche Grappa verschwand.

Einige Tage später traf ich einen Weingeist mit mathematischem Hintergrund, der mir erklärte, ich müsste nur 225 durch 300 teilen. Als ich ihn entgeistert anblickte, fragte er mich, wer denn in den vergangenen Zeiten die grössten Bordeaux-Liebhaber gewesen seien? Engländer natürlich, liess er mich wissen. Sie liebten ihren Claret mit Holz, liessen das 225 Liter Barrique in dreihundert Flaschen abfüllen: rechne! Zudem würden sie auch heute noch imperial denken und die Imperial Gallon (4,54 Liter) als Mass verwenden. Eine solche Gallon ergäbe 6 Flaschen à 7,5 Dezi.

Diese Art Mathematik lasse ich mir gerne gefallen.


DER GEIST AUS DER FLASCHE #3
ist geeicht

Hie und da höre ich bei Degustationen, die ja gemäss bundesrätlichem Geist wieder stattfinden dürfen, den Ausspruch: Du bis offensichtlich geeicht. Für Jürg Wetzel ist dies positiv und negativ. Ein Geeichter bestellt eher eine Flasche als nur einen Dreier im Restaurant, lässt sich aber das Glas bei der Degustation auch eher dreimal als nur einmal füllen. Wie aber wird man geeicht? Mit den lokalen Eichen, aus denen unsere Barriques gemacht werden, hat dies nicht zu tun, sondern mehr mit dem Nebel, der vom Alkohol ausgeht. Wieviel Nebel jemand verträgt, hängt von vielem ab: Ist man Mann oder Frau (oder etwas dazwischen), ist man gross oder klein, ist man kräftig oder zierlich, ist man gesund oder angetütscht. Wir Flaschengeister haben es da einfach: Wir sind geeicht ab Geburt. Eichen gehe, habe ich gelernt, auf das lateinische Wort «aequare» (vergleichen) zurück. Zum Vergleichen muss man korrekt messen, etwa das Gewicht des eingelieferten Traubengutes im Herbst oder der Inhalt der Flaschen. Waagen und Flaschen werden deshalb geeicht, in unserer Trotte seit 1990 durch den kantonalen Eichmeister Roland Eglin. Er prüft, ob die vom Bundesamt für Metrologie festgelegten Normen eingehalten werden. Und wie steht es mit dem Alkoholgehalt auf der Etikette? Da gilt gemäss Merkblatt Nr. 6 des Kantons eine Toleranz von 0,5 Prozent. Ganz präzis weiss also der noch ungeeichte Mensch nicht, wieviel Alkohol in seinem Glas steckt. Übung macht auch hier den Meister – wenn auch nicht den Eichmeister.


DER GEIST AUS DER FLASCHE #2
machte einen Besuch im Spital

Zum Glück bin ich ein Geist, denn dies ermöglicht es mir, auch in der Coronazeit das Kantonsspital Baden zu besuchen. Der Bundesrat hat bekanntlich mit Verstand entschieden, Wein sei ein systemrelevantes Getränk. Zum gleichen Schluss kamen Regierende schon vor manch hundert Jahren, etwa die ungarische Königin Agnes, als sie das Stadtspital stiftete und ihm Reben mit auf den Weg gab, auf dass die Patienten Zugang zu einem sauberen Getränk hätten. Ich wollte also wissen, ob auch die heutigen Patienten mit Wein ihre Genesung unterstützen dürfen. Beim Schweben durch die Zimmer traf ich ein Mitglied der Reben- und Trottenkommission beim Nachtessen – serviert schon um halb sechs! Tatsächlich stand ein Glas Rotwein auf seinem Tisch. Es handle sich aber nicht um ein lokales Produkt, sondern um Merlot, informierte er mich. Wenn ich Wein aus den von Agnes gestifteten Spitalreben finden wolle, müsse ich schon in die Lager der Spitalhotellerie fliegen. Und dort wurde ich fündig; sah einige Flaschen mit Wein aus den Spitalreben, etikettiert mit dem Bild der Königin. Nur war niemand dort, der mir hätte erklären können, ob dieser Agneswein nur Patienten ausgeschenkt wird, die heute Regierende sind oder ob sie auf die Feier zur Eröffnung des Agnesspitals warten.


DER GEIST AUS DER FLASCHE #1
sinniert über den April

Etwas überrascht war ich schon, am Morgen des 12. April, als ich die Spitalreben frisch verschneit vorfand. Ganz passend zu Emil Steinbergers: «Im April, im April, dä macht sowieso was er will». Und auch Mike Wetzel zuckt die Schultern und sagt, es sei halt Aprilwetter. Weshalb aber macht das Wetter solche Sprünge im April? Zum Glück habe ich einen Freund, der als Luftgeist normalerweise in grossen Höhen schwebt, mich aber hie und da besucht. Er erklärte mir, im Frühling erwärme sich die Erde ziemlich schnell, die Meere aber viel langsamer. Wenn nun kalte und feuchte Luft aus dem Norden zu uns komme, erwärme sie sich über den Rebbergen schnell, steige nach oben, kühle sich dort wieder ab und werde zu Quellwolken, aus denen Schnee auf die Reben fallen könne. Damit stieg der Luftgeist mit der sich erwärmenden Luft nach oben in die Kälte und rief mir noch nach, für weitere Fragen solle die Webseite von MeteoSchweiz konsultieren. Das mache ich, sobald Jürg Wetzel den Computer für einen kleinen Moment unbeaufsichtigt lässt. 

 

Der April im Rebberg

Im April beginnt der Austrieb, die Knospen schwellen, die jungen Triebe beginnen sich zu entfalten. Bis die Blätter aber rund 30 Prozent ihrer Sommergrösse erreicht haben, verbrauchen sie Substanz – Stärke –, die in den Wurzeln und im Holz eingelagert ist. Die Bodenerwärmung führt dazu, dass die Wurzelhärchen wieder Wasser aufnehmen und Flüssigkeit in den Reben hochsteigt. Damit wächst die Gefahr von Frostschäden – Minustemperaturen können bei uns bis zur «kalten Sophie» (15.5.) auftreten.

 

Flüeler, N. (1980). Schweizer Rebbau, Schweizer Wein. Ex Libris Verlag Zürich. (S. 62 ff.) 


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