Der Geist aus der Flasche


Gestatten: ich bin der Geist aus der Flasche, der in der Spitaltrotte haust. Viele Liebhaber des Badener Stadtweines kennen mich, denn ich mache mich hie und da in ihren Köpfen bemerkbar. Da ich in der virtuellen Welt lebe, habe ich mich riesig gefreut, dass das Rebgut der Ortsbürger nun über einen virtuellen Kontakt mit den Weinliebhabern verfügt und den Lesern über meine Erlebnisse und Begegnungen berichten wird.

 


DER GEIST AUS DER FLASCHE #3
ist geeicht

Hie und da höre ich bei Degustationen, die ja gemäss bundesrätlichem Geist wieder stattfinden dürfen, den Ausspruch: Du bis offensichtlich geeicht. Für Jürg Wetzel ist dies positiv und negativ. Ein Geeichter bestellt eher eine Flasche als nur einen Dreier im Restaurant, lässt sich aber das Glas bei der Degustation auch eher dreimal als nur einmal füllen. Wie aber wird man geeicht? Mit den lokalen Eichen, aus denen unsere Barriques gemacht werden, hat dies nicht zu tun, sondern mehr mit dem Nebel, der vom Alkohol ausgeht. Wieviel Nebel jemand verträgt, hängt von vielem ab: Ist man Mann oder Frau (oder etwas dazwischen), ist man gross oder klein, ist man kräftig oder zierlich, ist man gesund oder angetütscht. Wir Flaschengeister haben es da einfach: Wir sind geeicht ab Geburt. Eichen gehe, habe ich gelernt, auf das lateinische Wort «aequare» (vergleichen) zurück. Zum Vergleichen muss man korrekt messen, etwa das Gewicht des eingelieferten Traubengutes im Herbst oder der Inhalt der Flaschen. Waagen und Flaschen werden deshalb geeicht, in unserer Trotte seit 1990 durch den kantonalen Eichmeister Roland Eglin. Er prüft, ob die vom Bundesamt für Metrologie festgelegten Normen eingehalten werden. Und wie steht es mit dem Alkoholgehalt auf der Etikette? Da gilt gemäss Merkblatt Nr. 6 des Kantons eine Toleranz von 0,5 Prozent. Ganz präzis weiss also der noch ungeeichte Mensch nicht, wieviel Alkohol in seinem Glas steckt. Übung macht auch hier den Meister – wenn auch nicht den Eichmeister.


DER GEIST AUS DER FLASCHE #2
machte einen Besuch im Spital

Zum Glück bin ich ein Geist, denn dies ermöglicht es mir, auch in der Coronazeit das Kantonsspital Baden zu besuchen. Der Bundesrat hat bekanntlich mit Verstand entschieden, Wein sei ein systemrelevantes Getränk. Zum gleichen Schluss kamen Regierende schon vor manch hundert Jahren, etwa die ungarische Königin Agnes, als sie das Stadtspital stiftete und ihm Reben mit auf den Weg gab, auf dass die Patienten Zugang zu einem sauberen Getränk hätten. Ich wollte also wissen, ob auch die heutigen Patienten mit Wein ihre Genesung unterstützen dürfen. Beim Schweben durch die Zimmer traf ich ein Mitglied der Reben- und Trottenkommission beim Nachtessen – serviert schon um halb sechs! Tatsächlich stand ein Glas Rotwein auf seinem Tisch. Es handle sich aber nicht um ein lokales Produkt, sondern um Merlot, informierte er mich. Wenn ich Wein aus den von Agnes gestifteten Spitalreben finden wolle, müsse ich schon in die Lager der Spitalhotellerie fliegen. Und dort wurde ich fündig; sah einige Flaschen mit Wein aus den Spitalreben, etikettiert mit dem Bild der Königin. Nur war niemand dort, der mir hätte erklären können, ob dieser Agneswein nur Patienten ausgeschenkt wird, die heute Regierende sind oder ob sie auf die Feier zur Eröffnung des Agnesspitals warten.


DER GEIST AUS DER FLASCHE #1
sinniert über den April

Etwas überrascht war ich schon, am Morgen des 12. April, als ich die Spitalreben frisch verschneit vorfand. Ganz passend zu Emil Steinbergers: «Im April, im April, dä macht sowieso was er will». Und auch Mike Wetzel zuckt die Schultern und sagt, es sei halt Aprilwetter. Weshalb aber macht das Wetter solche Sprünge im April? Zum Glück habe ich einen Freund, der als Luftgeist normalerweise in grossen Höhen schwebt, mich aber hie und da besucht. Er erklärte mir, im Frühling erwärme sich die Erde ziemlich schnell, die Meere aber viel langsamer. Wenn nun kalte und feuchte Luft aus dem Norden zu uns komme, erwärme sie sich über den Rebbergen schnell, steige nach oben, kühle sich dort wieder ab und werde zu Quellwolken, aus denen Schnee auf die Reben fallen könne. Damit stieg der Luftgeist mit der sich erwärmenden Luft nach oben in die Kälte und rief mir noch nach, für weitere Fragen solle die Webseite von MeteoSchweiz konsultieren. Das mache ich, sobald Jürg Wetzel den Computer für einen kleinen Moment unbeaufsichtigt lässt. 

 

Der April im Rebberg

Im April beginnt der Austrieb, die Knospen schwellen, die jungen Triebe beginnen sich zu entfalten. Bis die Blätter aber rund 30 Prozent ihrer Sommergrösse erreicht haben, verbrauchen sie Substanz – Stärke –, die in den Wurzeln und im Holz eingelagert ist. Die Bodenerwärmung führt dazu, dass die Wurzelhärchen wieder Wasser aufnehmen und Flüssigkeit in den Reben hochsteigt. Damit wächst die Gefahr von Frostschäden – Minustemperaturen können bei uns bis zur «kalten Sophie» (15.5.) auftreten.

 

Flüeler, N. (1980). Schweizer Rebbau, Schweizer Wein. Ex Libris Verlag Zürich. (S. 62 ff.) 


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